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MigrationsforschungPostkoloniales Afrika

Migration: Der Westen als psychologisches Ziel

Ist postkoloniale Migration aus Afrika tatsächlich nur die Suche nach Sicherheit und neuen Chancen? Der Politikwissenschaftler Belachew Gebrewold stellt die psychologisch-historischen Ursachen von Migration im Rahmen der ÖAW-Themenplattform Migration und Diversität zur Debatte und gibt vorab Einblicke in seine Erkenntnisse.

20.01.2026
Ein von europäischen Flaggen gesäumter Pier führt ins Meer
Migration hat nicht nur materielle Ursachen, sagt der Forscher Belachew Gebrewold.
© AdobeStock

Der äthiopisch-österreichische Politikwissenschaftler Belachew Gebrewold beschäftigt sich in seiner Forschung mit der Frage, warum Menschen aus Afrika in den Westen migrieren. Während viele seiner Kolleg:innen vor allem die materielle Seite unter die Lupe nehmen, beschäftigen Gebrewold die ideellen Aspekte: Der Westen ist oft ein Idealbild, dem man weltweit nacheifert. „Selbst die Reichen, die von Klimawandel und Armut nicht betroffen sind, haben den verinnerlichten Wunsch, den Lebensstil des Westens nachzuahmen, sie empfinden ihn als höherstehend und wertvoller als ihre eigene Kultur“, so Gebrewold im Gespräch.

Warum das so ist, aber auch welche Auswege es aus dieser westlichen Dominanz geben könnte, beschreibt er in seinem aktuellen Buch „Postcolonial African Migration to the West. A Mimetic Desire for Being“, das am 20. Jänner von der Themenplattform Migration und Diversität der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) präsentiert wird.

Migration aus psychologisch-historischer Perspektive

Wenn man vonpostkolonialer Migration aus Afrika in den Westen spricht, ist immer von materieller Sicherheit die Rede. Welche Aspekte kommen dabei zu kurz? 

Belachew Gebrewold: Migration wird immer nur in diesem materiellen Kontext analysiert. Es gibt hochkomplexe quantitative und qualitative Studien, aber die erforschen vor allem die materiellen Seiten, nehmen Armut, Klimawandel, Konflikte unter die Lupe. Und ich verneine diese Motivation auch überhaupt nicht. Aber in meinem Buch geht es um die Frage, wie es Menschen aus Afrika oder auch aus anderen Regionen gelingen kann aus dieser Schublade der Kolonialisierung herauszukommen. Mir geht es um die psychologisch-historischen Ursachen.

Die Vorstellung, als freier, selbstbestimmter Mensch zu leben, ist eindeutig an den Westen geknüpft.

Sie sprechen von metaphorischer Migration. Was ist damit gemeint? 

Gebrewold: Selbst diejenigen, die ihr Herkunftsland nicht verlassen, haben den Wunsch zu migrieren. Selbst die Reichen, die von Klimawandel und Armut nicht betroffen sind, haben den verinnerlichten Wunsch, den Lebensstil des Westens nachzuahmen, sie empfinden ihn als höherstehend und wertvoller als ihre eigene Kultur. Sie können sich leisten, den Westen durch Konsumgüter ins eigene Land zu importieren. Die Vorstellung, als freier, selbstbestimmter Mensch zu leben, ist eindeutig an den Westen geknüpft. Das ist ein sehr starkes Narrativ. Man ist ein:e Migrant:in ohne physisch zu migrieren.

Folgen der Kolonialzeit

Der Westen ist also das Idealbild, dem man nacheifert?

Gebrewold: Das ist der Kern. Auch, wenn ich mir den Westen nur durch Konsum hole, verspreche ich mir davon eine ideale, heile Welt. Das ist das Paradoxe: Auf der einen Seite kritisiert man den Westen berechtigterweise ständig wegen der Kolonialzeit, auf der anderen Seite ist aber der Westen zum weltweiten Modell geworden, von der Lebensweise, der Technologie, den Schönheitsidealen. Das ist das Idealbild, das man sehr oft hat und aber sich nicht traut, es zuzugeben, weil es ein Eingeständnis der eigenen Minderwertigkeit wäre. 

Es ist das Ergebnis der kolonialen Unterdrückung.

Klingt nach Stockholm-Syndrom.

Gebrewold: Das kann man durchaus so sehen. Es ist das Ergebnis der kolonialen Unterdrückung. Dass man jahrhundertelang den Menschen in Afrika oder Südamerika die Menschlichkeit abgesprochen hat.

Sie kommen aus Äthiopien, einem Land, das keine Kolonie war. Warum hat Sie dieses Denken trotzdem geprägt?

Gebrewold: Genau das fand ich auch eine spannende Frage. Ich habe als junger Student in Addis Abeba erlebt, wie alle vom Westen geschwärmt haben, wenn sie jemanden kannten, der nach Europa gegangen ist. Diese Erfahrung war für mich der Auslöser, mich später mit Migrationsforschung zu beschäftigen, als ich vor 32 Jahren die Möglichkeit bekam, ins Ausland studieren zu gehen. Ich habe damals beobachtet, dass alle ausnahmslos an eine westliche Universität wollten. Wir wussten gar nicht, wie schlecht oder gut die Universitäten in Lateinamerika oder in Afrika waren. Aber wir sind davon ausgegangen, die westlichen können das auf jeden Fall besser. Ich wollte mit meinen Kolleg:innen darüber diskutieren, aber niemand hat die Relevanz meiner Frage verstanden – und da habe ich das Thema einfach liegen lassen. Aber es hat mich jahrzehntelang begleitet und nicht losgelassen, deswegen musste ich dieses Buch schreiben.

Wir Menschen haben viel gemeinsam, unabhängig davon, wo wir herkommen. 

Welche Auswege gibt es daraus?

Gebrewold: Es braucht eine neue innere Freiheit, zu wissen: Meine Würde hängt nicht davon ab, ob ich vom Westen oder von der westlichen Kultur anerkannt werde oder nicht. Meine innere Würde oder Ehre hängt von meiner eigenen Vorstellung ab. Sonst mache ich mich immer abhängig von einer Anerkennungssuche, die ich ohnehin nie erreichen werde. Mir war wichtig, die grundlegende Frage zu verstehen: Was wollen wir als Menschen? Von Homer über Cervantes, bis zu Goethe, haben mir viele klassische Autoren geholfen, das besser zu verstehen. Ich halte nicht viel davon, zu sagen, Afrikaner:innen sind anders als Europäer:innen. Ich bin Universalist. In Europa gibt es keine europäische Philosophie, es gibt Philosophien. Und genauso ist es in Afrika.  Wenn wir Nietzsche und Hegel vergleichen, liegen Welten dazwischen – und trotzdem sind beide Deutsche. Wir Menschen haben viel gemeinsam, unabhängig davon, wo wir herkommen. Ein unaufhörliches Streben nach mehr und nach etwas Anderem, ist tief in uns verwurzelt.