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Internationaler FrauentagChancengleichheit

Vielfalt stärkt Forschung

Francesca Ferlaino und Anaïs Angelo sprechen anlässlich einer Veranstaltung an der ÖAW im Interview über die Bedeutung von Chancengleichheit in der Forschung, strukturelle Barrieren für Frauen und neue Impulse für exzellente Wissenschaft.

05.03.2026
Zwei Frauen und ein Mann betrachten eine Pipette in einem Labor
Forschungsteams profitieren von Diversität.
© ÖAW/Klaus Pichler

Warum sind Frauen in manchen Ländern stärker in den Naturwissenschaften vertreten als in anderen? Und wie haben sich Bedeutung und Anliegen des Internationalen Frauentags im Laufe der Zeit verändert? Die Quantenphysikerin Francesca Ferlaino und die Historikerin und Afrikanistin Anaïs Angelo sprechen im Interview über strukturelle Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Karrieren, gesellschaftliche Entwicklungen und die Rolle von Diversität für exzellente Forschung.

Anlässlich des Weltfrauentags lädt die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am 6. März 2026 ein zur Veranstaltung „Different Minds, Better Science: The Benefits of Diversity in Research“. Francesca Ferlaino, korrespondierendes Mitglied der ÖAW und Wissenschaftlerin des Jahres 2025, und Anaïs Angelo, Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW, beleuchten in ihren Vorträgen aus natur- und geisteswissenschaftlicher Perspektive die Rolle von Diversität für innovative Forschungsteams. Einleitung und Moderation übernimmt die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter.

Interessanterweise sind Frauen in der Physik tendenziell stärker vertreten in Ländern, in denen Forschungskarrieren weniger gut finanziert oder weniger prestigeträchtig sind.

Frau Ferlaino, Ihre Plattform Atom*innen zeigt eine interaktive Karte, die Unterschiede beim Frauenanteil in der Physik in Europa darstellt. Welche strukturellen Barrieren erklären diese Unterschiede?

Francesca Ferlaino: Ein Grund, warum wir Atom*innen gegründet haben, ist, dass zwar statistische Daten existieren, diese aber schwer zugänglich sind. Betrachtet man die Karte, fällt sofort auf, dass Europa klar geteilt ist. Viele osteuropäische Länder weisen überraschend hohe Anteile an Frauen auf, die nach der Schule Physik studieren – oft über 50 %. Beispiele sind Nordmazedonien, Albanien, Polen, Rumänien, Bulgarien, Serbien und Kroatien.

Ein Teil der Erklärung ist kulturell bedingt und hängt mit dem Erbe der ehemaligen sowjetischen Bildungssysteme zusammen. Gleichzeitig investieren viele dieser Länder weniger als etwa 1,5 % des BIP in Forschung und Innovation. Interessanterweise sind Frauen in der Physik tendenziell stärker vertreten in Ländern, in denen Forschungskarrieren weniger gut finanziert oder weniger prestigeträchtig sind. In Ländern wie Österreich, wo Wissenschaftler:innen als hochrangig und gut bezahlt gelten, sind Frauen weniger vertreten. Die Daten deuten also darauf hin, dass die Geschlechterbeteiligung auch durch gesellschaftliche Narrative über Prestige, Wert und begehrte Berufe geprägt wird.

Individueller Erfolg und kollektiver Wandel

Frau Angelo, Sie haben festgestellt, dass der Internationale Frauentag sich vom kollektiven Zusammenhalt hin zur individuellen Stärkung verschiebt. Spiegelt dies einen globalen Trend wider, oder hat persönlicher Erfolg begonnen, strukturellen Wandel zu überlagern?

Anaïs Angelo: Es ist definitiv kein einfacher oder rein globaler Wandel, und Frauen kämpfen keineswegs nur für persönlichen Erfolg. Persönlicher Erfolg wird oft vielmehr als Weg zu kollektivem Wandel verstanden. Ich hinterfrage aber diese Gleichsetzung, die manchmal als selbstverständlich erscheint. Wie erwähnt, erzählen Zahlen und Indikatoren nie die ganze Geschichte – es steckt immer mehr dahinter.

Der Internationale Frauentag hat eine lange, komplexe und sehr vielfältige Geschichte, weit vielfältiger, als die Vorstellung eines einzigen globalen Ereignisses suggeriert. Ich möchte dazu anregen, über die Bedeutung dieses Tages nicht nur für einzelne Frauen nachzudenken, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt und für die Art von Gesellschaft, die wir schaffen wollen.

Es gibt ein starkes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der Physik. Ich wurde darauf aufmerksam, als ich nach Österreich kam.

Wann haben Sie persönlich erstmals erkannt, dass Geschlecht in der Wissenschaft eine Rolle spielt?

Ferlaino: Ich denke nicht, dass das Geschlecht direkt meine Forschung beeinflusst. Die Physik, mit der wir arbeiten, ist grundsätzlich geschlechtsneutral. Aber das Geschlecht spielt im weiteren akademischen Umfeld eine Rolle. Klar ist: Es gibt ein starkes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der Physik. Ich wurde darauf aufmerksam, als ich nach Österreich kam. In Italien arbeitete ich in einem Labor, in dem Frauen und Männer etwa gleich vertreten waren. Ich musste nie zählen, wie viele Frauen oder Männer da waren. Als ich nach Innsbruck zog, war ich fast die einzige Frau – sicher die einzige weibliche Postdoc zu der Zeit und später über längere Zeit die einzige Professorin. Dort wurde mir klar, dass dieses Ungleichgewicht keine Ausnahme, sondern ein strukturelles Problem ist.

Angelo: In den Geisteswissenschaften haben Frauen oft Perspektiven eingebracht, die sonst übersehen wurden, also spielt das Geschlecht in der Wissenschaft eine Rolle – vor allem auf struktureller Ebene. Persönlich änderte sich meine Wahrnehmung, als ich Mutter wurde. Plötzlich sah ich mich mit strukturellen Hindernissen konfrontiert, die es schwer machten, akademische Arbeit und Fürsorge zu vereinbaren. So wurde mir klar, dass Geschlecht eine Quelle von Ungleichheit ist und Menschen auch persönlich betrifft. Ich bin sicher nicht die Einzige. In Frankreich, wo ich herkomme, ist der Mutterschaftsurlaub sehr kurz. In Österreich zum Beispiel ist er lang genug, um hilfreich zu sein, aber akademische Institutionen hinken trotzdem hinterher.

Ferlaino: Das eigentliche Problem ist, dass Frauen die Wahl haben sollten, wie lange der Mutterschaftsurlaub dauert. In Österreich ist das schwierig, weil qualitativ hochwertige Kinderbetreuung vor dem ersten Lebensjahr sehr begrenzt ist. Das System erwartet implizit, dass ein Elternteil – meist die Mutter – zu Hause bleibt. Väter haben Anspruch auf Elternzeit, aber sie wird selten genutzt oder gesellschaftlich akzeptiert.

Wissen für alle

Welche wissenschaftlichen Fragen fehlen heute noch aufgrund mangelnder Diversität?

Angelo: Forschung selbst kann geschlechtsneutral sein. Für mich geht es bei Diversität nicht darum, anzunehmen, dass Frauen oder Männer Wissenschaft unterschiedlich angehen – es geht darum, Wissen zu bereichern, kritisch zu denken und Wissen für alle zugänglich zu machen. Der Fokus sollte darauf liegen, für wen wir Wissen produzieren, nicht nur von wem. Forschung ist oft dann nicht wirklich divers, wenn sie nur einer kleinen Elite dient.

Frauen sind nicht die Ausnahme, und Männer sollten nicht als Standard gelten.

Ferlaino: Dem stimme ich vollkommen zu. Mehr Diversität bringt unterschiedliche Perspektiven ein, die neue Ideen anstoßen können. Trotz aller Bemühungen in der Physik in Europa – Auszeichnungen, Förderungen, Interviews, Öffentlichkeitsarbeit – haben sich die Zahlen von Frauen nicht wesentlich verändert. Ein Teil des Problems ist, dass Initiativen oft nur Frauen ansprechen, ohne Männer einzubeziehen. Echter Wandel erfordert, dass Geschlechtergerechtigkeit als gemeinsamer Wert erklärt und verankert wird. Andernfalls fühlen sich Männer ausgeschlossen oder ungerecht behandelt, und Spaltungen bleiben bestehen.

Angelo: Historisch betrachtet begann der Internationale Frauentag mit universellen Forderungen, wie dem Frauenwahlrecht – man konnte nicht sagen: „30 % der Frauen dürfen wählen, das reicht.“ Heute wird Fortschritt oft in Quoten gemessen, was zwar wichtig ist, aber die Idee normalisieren kann, dass Frauen dauerhaft eine Minderheit sind. Die Herausforderung besteht heute darin, über dieses Denken hinauszugehen: Frauen sind nicht die Ausnahme, und Männer sollten nicht als Standard gelten.

Institutionen in der Verantwortung für Chancengleichheit 

Welche Verantwortung haben wissenschaftliche Institutionen heute gegenüber Politik und Gesellschaft in Bezug auf Chancengleichheit?

Ferlaino: Akademia hat lange Zeit eine besondere Stellung in der Gesellschaft gehabt. Institutionen haben die Möglichkeit, als Beispiele zu dienen, wie Macht neu definiert, Gleichberechtigung über bloße Gleichstellung hinaus gefördert und gezeigt werden kann, dass das Erreichen bedeutender Ziele die Gesellschaft bereichert.

Angelo: Es ist wichtig, herausragende Frauen zu feiern, aber das darf nicht die Verantwortung der Institutionen verdecken, inklusive Umgebungen für alle zu schaffen. Es geht nicht nur darum, Platz für Frauen zu machen – es geht darum, zu überdenken, wie wir Wissen erzeugen und teilen und für wen. Institutionen könnten ebenso innovativ sein, wie sie es von einzelnen Forschenden erwarten.

 

Auf einen Blick

Different Minds, Better Science: The Benefits of Diversity in Research
6. März 2026, 17:45 Uhr
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Festsaal
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
und online über ZOOM

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