
Der Begriff „Kanon“ hat seine Wurzeln im Altgriechischen bzw. Lateinischen und bedeutete ursprünglich „Rohrstock/Messstab“ oder allgemeiner „Regel, Norm, Richtschnur“. Regeln, Normen und Richtlinien sind in der Wissenschaft ebenso wichtig wie Definitionen von Begriffen, Goldstandards von Prozessen oder Best-Practice-Guidelines. Normen und Richtlinien sichern Forschungsqualität und gewährleisten die Nachvollziehbarkeit von Erkenntnisprozessen. Sie sollten jedoch zugleich regelmäßig evaluiert und kritisch diskutiert werden, um „am Puls der Zeit“ zu bleiben. Soziale Gruppen – und auch wissenschaftliche Disziplinen sind als solche zu sehen – neigen vor allem in Phasen der Selbstfindung sowie bei drohender Destabilisierung zur verschärften Kanonbildung, um sich von innen heraus zu festigen.
Als Negativbeispiel für einen erstarrten musikalischen und literarischen Kanon wird heute vielfach auf den Bildungs-Kanon des gehobenen Bürgertums des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts geblickt – mit seiner strengen Kategorisierung von „guten“ und „schlechten“ Werken, hoher Kunst und Populärkultur. Obwohl dieser undurchlässige Bildungs-Kanon den heutigen Begriffen einer demokratischen, offenen und diversen Gesellschaft zuwiderläuft, feiert er in Begriffen wie „Leitkultur“ und „Kulturelles Erbe“ ein Revival.
Wie viel Kanon braucht die Wissenschaft? Und wer bestimmt in einer demokratischen, offenen Gesellschaft, was zum Kanon wird? Kann bzw. darf es nur einen Kanon geben oder können mehrere Kanons nebeneinander existieren? Wie hängen Kanon und Kulturelles Erbe zusammen? Inwieweit folgt die Forschung am ACDH dem Kanon oder hinterfragt ihn? Gibt es Kanonbildung nur in der Musik, Literatur, in den Bildenden Künsten – oder auch in der Computersprache bzw. Technik allgemein?
Mit Blick auf diese Fragen möchte der ACDH-Forschungstag zum Thema Kanon und Kulturelles Erbe Positionen und Perspektiven am ACDH beleuchten und die verschiedenen Forschungsbereiche miteinander in den Dialog bringen. Besonderes Gewicht soll auf den Austausch gelegt werden, wobei Formate, die die Diskussion fördern, wie etwa Panels mit Impulsvorträgen oder Posterpräsentationen etc. im Vordergrund stehen sollen.
09:00-09:30 | Eröffnung | Alexandra N. Lenz, Barbara Boisits |
09:30-10:00 | Einführung in Thema und Problemstellung | Elisabeth Hilscher |
10:00-10:30 | Kanon? No na! – Jetzt ist schon wieder alles neu in der digitalen Literaturwissenschaft, sogar der Kanon | Hanno Biber |
10:30-11:00 | Kaffeepause | |
11:00-12:00 | Der Kanon als „Denkzwang“: historisch-epistemologische und wissenschaftssoziologische Aspekte der Kanonisierung (sprach-)wissenschaftlicher Paradigmen (Impulsvortrag und Diskussion) | Jan D. Zimmermann, Manfred M. Glauninger |
12:00-12:30 | Musikkritik und Kanonbildung im 19. Jhdt. | Alexander Wilfing |
12:30-14:00 | Mittagspause | |
14:00-14:30 | Demokratisierung der Klassiker? Dynamiken kollektiver Wertzuschreibung in einer digitalen Lesekultur | Marlene Haslinger-Fenzl |
14:30-15:00 | „Vaterländische Dichterin“ und „schreibende Dame“ – Positionen des deutschsprachigen Literaturkanons vor und um 1900 | Imelda Rohrbacher |
15:00-15:30 | Kaffeepause | |
15:30-16:30 | Gesamtausgabe, „Denkmäler“ oder ganz neue Konzepte? Wie mit Kanon und CH im 21. Jahrhundert umgehen? Podiumsdiskussion | Konzept FG Komponist:innen & Editionen |
15. Juni 2026, 9:30–16:30
Theatersaal
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Sonnenfelsgasse 19
1010 Wien